Abschiede

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Category : Dies und das

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Ich habe sie gefunden.
Eigentlich wollte ich sie tief in der Erde hinter der alten großen knorrigen Weide vergraben. Schon vor Jahren.
Doch irgendwie, warum auch immer, habe ich es mir anders überlegt und sie im dunkelsten Winkel des Dachbodens, hinter den alten Schulbüchern, Bildern und Schürzen meiner Großeltern versteckt.
Ein paar alte löchrige Strudeltücher meiner Oma lagen lieblos aufeinander gehäuft darauf.
Und doch habe ich sie gefunden.
Als ob mich eine unsichtbare Hand zu diesem staubigen mit Spinnenweben überzogenen Ort hingeführt hätte.

Dabei wollte ich eigentlich nur ganz schnell das alte Schachspiel suchen, dass ich vor Jahren auf den Dachboden verbannt hatte und nun wieder dingend benötigte, da mir mein Vater dieses Spiel unbedingt beibringen möchte.
Doch anstatt des Schachspiels stand ich nun im kreisrunden Lichtschimmer meiner Stirnlampe vor dieser alten blauen Kiste.
Ja, da stand sie.
Genau vor mir. Ich brauchte nur meine Hand danach ausstrecken.
Warum zögerte ich nur so?
Ich wusste genau was da drinnen lag. Zumindest einen Teil davon konnte ich noch aufzählen.

Es waren Erinnerungen an eine vergangene Zeit.
An MEINE vergangene Zeit.
Erinnerungsstücke, an denen mein Herz hing bzw. auch heute noch hängt.
Jedes, dieser kleinen Schätze war auch ein Abschied.
Ein Abschnitt, in dem ich etwas liebgewonnenen loslassen musste. Dinge, die einmal da waren und nicht mehr sind.

Langsam setzte ich mich auf den staubigen Boden, und öffnete diese unscheinbare kleine Plastikkiste im Schein meiner Lampe.
Zeit und Ort spielte keine Rolle mehr. Es war, als würde ich mit meinen Ü30 in ein längst vergangenes Leben eintauchen.
Der Deckel war noch nicht ganz offen, und trotzdem kullerten schon die ersten Tränen über meine Wangen. Ich wusste von diesen kleinen Erinnerungsstücken, die mich gleich erwarteten.

Sie waren noch genauso sorgfältig geordnet, wie ich sie in Erinnerung hatte.
Es blitzten mir ein paar Briefe mit diesen alten rot-blau-weißen Luftpoststreifen entgegen.
Ein Teil davon hatte kleine braune Flecken. Ich konnte mich noch genau erinnern, dass mir damals beim lesen ein Glas Cola umfiel.
Daneben lag eine braune getrocknete Rose, die schon lange ihren Duft versprühte, ein rostiges Schweizer Taschenmesser aus meiner Kindheit, ein paar voll Vorfreude selbstgestrickte rosa Babyschuhe, Fotos- die aus einer alten Fototasche hervorblitzten, ein kleiner Silberring, der schon schwarz färbte und und und …….
Da waren sie wieder. All die kostbaren Momente, die mich mit jedem einzelnen Gegenstand verbanden.
Die vielen kleinen Abschiede, die immer wieder unvermeidbar waren.

Loslassen.
Denn das Leben besteht aus Abschieden. Immer und immer wieder. Kleine, große oder so große, das sie Wunden in unseren Herzen hinterlassen.
Es ist der Lauf der Zeit.
Unvermeidbar
So sehr wir uns auch wünschen, dass es nie geschehen möge.
Doch manchmal muss man sich von lieb gewonnenen Dingen/Personen verabschieden, um weiter zu wachsen.
Die Zeit bleibt leider nicht stehen. Sie verändert sich unaufhörlich. Ohne Skrupel.
Dinge/Situationen ändern und verändern sich, altes macht neuen Platz um so wieder von vorne anzufangen.
Abschiede gehören  dazu. Wege trennen sich und neue tun sich auf.

Ich schloss noch mal meine nassen Augen. Lies diesen Moment auf mich wirken.
Still, ganz still war es. Draußen, ganz weit weg hörte ich einen Vogel zwitschern.
Ohne diese Dinge/Erinnerungen wäre ich nicht der Mensch, der ich heute bin.
Dankbar schaute ich noch ein letztes Mal in meine himmelblaue Plastikkiste.
Dann schloss ich sie,  packte Omas alte Strudeltücher darüber und richtete meine Stirnlampe Richtung Dachbodenabgang.

Ich war mich sicher. Es werden noch viele Abschiede in meinem Leben kommen. Oft werde ich noch Loslassen müssen. Und so mancher neuer Gegenstand wird in diese Kiste gelegt werden. Doch jeder Abschied ist die Geburt einer Erinnerung.

Bild:pixelio

Comments (21)

Superschön geschrieben.

Dazu kann Mann nicht mehr viel sagen.

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Ich sollte mir angewöhnen solche Beiträge von dir nicht in der Firma zu lesen. Wie soll ich hier meine Tränen verbergen?
Danke für diesen schönen Beitrag. Ich habe auch so ein Kistchen/Kästchen … allerdings nur die Familie betreffend.

Die Zeit verändert
Menschen
Gefühle
Siituatiionen
Träume
Gedanken
Das einzige
das sie nicht verändern kann
ist die Vergangenheit.

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Jeder Abschied ist die Geburt einer Erinnerung.

Das hast du schön gesagt. Und wunderschön geschrieben. :blumen:

Abschiede gehören zum Leben… ich kann mich noch gut an den Tag erinnern, an dem ich für mich beschlossen habe, dass ich lieber die bin, die geht. Ich möchte niemanden mehr verabschieden. Aber vielleicht stelle ich diese Lebenseinstellung mal wieder auf den Prüfstand…

Erinnerungskiste? :verlegen: Wollte ich immer anlegen. Aber irgendwie gehöre ich zu denen, die alles wegwerfen. Außer 2-3 Fotos. Ausnahme sind natürlich die Erinnerungen in meinem Kopf. Die werden zuallerletzt entsorgt. :Sonne:

Danke dir für diesen wunderbar geschriebenen Beitrag. Aber wo soll ich nun hin mit der verdammten Melancholie?! :pfeiffen:

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@Applejünger: Vielen Dank mein Appelchen :kuessen:
@Marksi: Och, weg mit den Tränchen. Nicht an diesem schönen sonnigen warmen Tag :Sonne: :love: Bewahre deine Kiste gut auf. Sie ist ein Schatz. Der Spruch ist sooo schön.
@Anna: Leider kann man es sich nicht aussuchen, dass man der ist der geht. Das Leben schreibst seine eigene Geschichte. *seufz* Ich schmeisse auch irrsenig gerne alles weg. Das nenne ich dann “Spontanausmisten”. Und das mache ich viel zu oft. Darum ist diese kleine Kiste ja so wertvoll.
Und jetzt weg mit der Melancholie. Gucken wir in die wunderschöne Sonne und freuen uns über den tollen Frühlingstag :blumen:

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Liebe Nila, welch bewegende Worte. Und da fällt mir das Ende von H. Hesses Gedicht “Stufen” ein: Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden…
Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!

Man muss sich manchmal trennen und auch so ein Abschied kann helfen, dass es danach besser geht. Aber Erinnerungen bleiben und machen uns zu dem Menschen, der wir jetzt im Augenblick sind.

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@ Nila: Doch, bis zu einem gewissen Grad kann man sich das schon aussuchen. Aber das passt nicht zu einem so mit Herzblut geschriebenen Artikel. :verlegen:

Also denken wir nicht länger drüber nach und du schickst mir stattdessen noch ein bisschen Sonne rüber. Hier ist nämlich keine. :Sonne:

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@GZI: Oh, Hesse. Ich hab ein Gedichteband von Hesse Zuhause. Muss ich dann mal nachschlagen :glupschi: Stimmt, ohne unsere Erinnerungen wären wir nicht die, die wir heute sind.
@Anna: Ähm, nicht alles kann man sich bis zu einem gewissen Grad aussuchen. Manchmal “scheisst” einem das Leben schon rein, bevor es überhaupt angefangen hat :down: Ui, schade, dass du sooooo weit weg wohnst. Ich würde dich gerne mal auf 1,2,3,4,5 Schnapserl einladen und diskutieren. Das wäre äußerst interessant würde mir Spass mit dir machen *zwinker* :yes: So, und nun zaaaaaaaaaaack ich schiebe an der letzten Nachmittagssonne :Sonne:

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Immer nehmen immer Abschied, so lange wir leben. Der Auszubildende nimmt Abschied von der Schülerzeit. Bei der Geburt nehmen wir Abschied vom schützenden Muterleib. Nach einer zerbrochenen Liebe schwören wir uns NIE wieder was mit einer Frau eine Beziehung ein zu gehen. Dieseer Vorsatz hält meist so lang bis das nächste weibliche Wesen feenhaft vorbei schwebt. : :engel: und uns Kerlen den Kopf verdreht. Du weist ja, Nila, weshalb es euch Frauen gibt? Nur, damit wir Kerle etwas haben was wir VERWÖHNEN können. Nein, ich meine das NICHT schwerzhaft oder gar zynisch.
Liebe Grüßle zu dir
Helmut

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Mensch, ich kenn das nur zu genau…auch wenn ich keine solche Kiste hab, aber oft begegnet einem ja mal so ein Erinnerungsstück….

…ein sehr nachdenklich machender, sentimentaler, aber schöner Artikel.

Danke dafür, Nila.

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Das Angebot würde ich gerne annehmen, wenn der Weg nicht so weit wäre. :blumen:

Aber wenn du mit mir diskutieren willst, dann darfst kein Schnapserl auf den Tisch stellen. Das haut mir erst die Worte und dann die Beine weg. :engel:

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Mensch Nila… nur wenige können solch einen Moment so festhalten wie du das hier schaffst! Es berührt. Es berührt zutiefst.
Für einen Moment… für einen kleinen Moment stand ich da oben neben dir und hielt die Luft an. Ich sah deine Rührung, deine Träne.
Du kannst einen echt mitnehmen … dabei sein lassen … wenn du Leben lebst!

Ein ganz großer Eintrag Nila!
Danke fürs Mitnehmen!

leise Rumpelgrüße

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Abschied nehmen ist leider mitunter unumgänglich, loslassen ist immer schwierig – aber vergraben ist fast nie eine Lösung… eine schöne und bewegende Geschichte…

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Serh schöner Text! Ich hoffe Du hast das Schach spielen trotzdem noch gelernt, es lohnt sich ;-)

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Hallo Nila. Danke für den Beitrag. :) Ach ja ich lebe noch…

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Ach war das schön. So ist das Leben und Erinnerungen können auch so schön sein, was wären wir ohne sie.

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Schön und wahr! Ich versuche immer, mit den Erinnerungen Frieden zu schließen.

“Man lebt zweimal:
das erste Mal in der Wirklichkeit,
das zweite Mal in der Erinnerung.”
von Honoré de Balzac

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Wunderschön geschrieben. Es ist ein kleiner Einblick in dein Leben, in deine Gefühle. :weinen: :nicken: Ich kanns nachvollziehen, auch wenn ich kein Kistchen habe. Schmerzvolle Erinnerungsstücke hab ich nie aufgehoben, sie würden mich immer wieder aufwühlen. Und doch sind es die Bilder im Kopf, die immer wieder zurückkehren. Doch Zeit vergeht und man filtert selbst da nur noch die schönen Stückchen raus.
Ich drück dich ganz lieb. :blumen:

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Haste toll geschrieben :-)

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@Helmut: Du hast recht. wir nehmen ein ganzes Leben lang Abschied. Dies prägt uns. Und macht uns automatisch zu den Menschen die wir sind.
Grins, wir verdrehen euch gerne den Kopf :love:
@Edelweisspirat: Hallo Mr Sperrow. Ich mag dich nachdenklich auch noch :blumen:
@Anna: Lach, wie schön, dass mir ein Schnapserl auch die Füße wegzieht. Das könnte eine lustige und interessante Diskussion werden :bier: :herz:
@Rumpelwald: Och Rumpelchen, ich habe dich unheimlich gerne auf meinen Dachboden mitgenommen :Sonne:
@Jannick: Lach, meine Papa ist noch dabei. Ab und zu verzweifelt er *seufz* :engel:
@Ecki: Waaaaaaah, ich freue mich. Verdammt schön, mal wieder was von dir zu hören/lesen. :kuessen:
@Beate: Hmm was wären wir ohne die Erinnerungen? Nur die Hälfte von dem, was wir heute sind :nicken:
@Miki: Oh ja. So wie du bin ich auch immer am “Frieden schließen” :Sonne:
@Xanni: Ja stimmt. In unseren Gedanken leben diese kleinen wertvollen Erinnerungen weiter :nicken:
@DeserTStorM: Ich danke dir :herz:

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ich hab richtig gänsehaut bekommen. ich weiß genau, wovon du sprichst. loslassen, das a und o um im leben weitermachen zu können und sich weiterzuentwickeln, und doch so unendlich schwer…

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@Paleica: Jawohl, du hast Recht. Es ist schwer. Manchmal so schwer, dass man glaubt, man schafft es nicht. Und trotzdem findet man einen Weg. Durch solche Ereignisse bilden wir unsere Persönlichkeit :traurig: :herz:

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